Die krampfhafte Suche nach dem Glück

Sophia kennt das alles. Die Studien und Experten, die sagen, Glück könne man lernen. Es sei eine reine Übungssache. Sie weiß, dass bestimmte Menschen einfach glücklicher sind als andere, weil ihnen das von Mutter Natur mitgegeben wurde. Einiges in Sophias Leben ist nicht so gelaufen, wie sie sich das vorgestellt hatte. Und gerade vom Beginn eines neuen Kalenderjahres versprechen sich die Menschen auffällig viel. Denn vor allem anderen wünscht man sich gegenseitig eines: Glück.

Sophia befasst sich gerade viel mit dem Glücklichsein. Sie surft im Internet, liest Bücher, führt Gespräche. Die junge Frau weiß, dass einschlägige Psychologen und Menschen, die sich als Glücksforscher bezeichnen, sagen, jene von uns, die eher im Hier und Jetzt denken und fühlen, seien glücklicher. Man soll seine Erwartungen niedrig halten. Soll sich nicht mit anderen vergleichen. Jene Menschen, die Dinge einfach akzeptieren und weniger werten, seien glücklicher. Okay, denkt Sophia sich, dann konzentriere ich mich auf das Hier und Jetzt. Ein Tag, ohne an die Vergangenheit und ohne an die Zukunft zu denken.

Sie steht an diesem Donnerstagmorgen auf, stolpert völlig übermüdet wie jeden Tag in die Küche und trinkt ihren Kaffee mit einem Schuss Milch. Erst mal Facebook öffnen und nachsehen, ob sie Nachrichten oder Einladungen erhalten hat. Und was sonst so auf der Welt geschehen ist in dieser kurzen Nacht. Sophia schläft nämlich nicht sehr gut. Schon das kleinste Geräusch weckt sie auf, ihre Sorgen über das Leben sind oft zu laut, um sie in ihren Träumen vergessen zu können.

Du leuchtest nicht

Keine neuen Nachrichten. Trotzdem muss sich Sophia bereits in aller Früh ärgern. In ihrer Timeline befindet sich eine für ihren Geschmack an Dummheit kaum zu übertreffende Masse an „Positive Life Quotes“, also „motivierenden Lebensweisheiten“. Mit jedem Scroll steigt die Anzahl an gehaltlosen Sprüchen. So etwas kann ein Mensch doch nur in einem Zustand kompletter geistiger Umnachtung posten, denkt sich Sophia. Auf hässlichen Bildern stehen Sprüche in noch hässlicherer Schrift. „Stars can’t shine without darkness“ oder „Jeder Tag ist eine neue Chance“.

Sie schmunzelt. Beim Versuch, andere nicht zu bewerten, ist sie jedenfalls schon um neun Uhr früh gescheitert. Aber das zumindest sehr erfolgreich. Es ist doch bemerkenswert, was manche Menschen in den sozialen Medien teilen. Wie soll man da nicht werten oder kommentieren? Und warum sollte man es nicht tun? Ist es nicht die direkte Aufforderung zu reagieren? Fast schon die Bitte nach einem: „Nein, nicht jeder Tag ist eine neue Chance!“ Oder: „Ja, Sterne leuchten im Dunklen. Das ist eine absolut wahre Aussage. Aber was genau hat das mit dir zu tun? Du bist weder ein Stern noch leuchtest du.“ Schon klar, positive Psychologie und so.

Es ist jener Schlag Menschen, der von anderen als „Sonnenschein“ bezeichnet wird. Jener Schlag Menschen, der Emojis und Herzchen in einem Maß verwendet, das vermuten lässt, er oder sie könne vielleicht einfach nicht schreiben. Es ist jener Schlag Menschen, der sich über alles freut, alles sehr spannend findet. Jener Schlag Menschen, der Sarkasmus nur schwer versteht und sich beleidigt fühlt, wenn man nicht alles total toll findet. Es ist jener Schlag Menschen, der nach dem Lesen des neuen Buchs von Selbsthilfe-Guru Tim Ferriss sofort Dinge wie Hands-on in seinen Lebenslauf schreibt – im Sinne der immer optimistischen, frischen und jungen Start-up-Mentalität, die man schon fast sektenmäßig versprühen möchte. Es ist jener Schlag Menschen, der „Ich zeichne mit dem Finger ein Herz in den Sand und springe dann in die Luft“-Fotos aus dem Urlaub postet. Es ist jener Schlag Menschen, der am Samstagabend zu Refugee-Welcome-Techno-Partys geht und in der After-Hour am Tag danach immer noch denkt, er würde damit tatsächlich etwas Gutes tun.

In Wirklichkeit, denkt sich Sophia, gibt es nichts Oberflächlicheres, als solche sinnbefreiten Sprüche zu posten.

Akzeptiere es einfach

Als sie einige Zeit später auf einen Artikel mit dem Titel „Menschen, denen pseudo-philosophische Zitate gefallen, sind weniger intelligent“ stößt, ist sie beruhigt. Endlich. Die Studie ist die Legitimation, die Poster von Lebensweisheiten als Dilettanten zu bezeichnen. Das macht glücklich. Obwohl sie sich dessen auch schon längst ohne Studie bewusst war.

Das „Duckface“
Credits: martakat83/Flickr

Was Sophia jedenfalls nicht glücklich macht, ist, Facebook-Freunden dabei zuzusehen, wie sie ein Selfie nach dem anderen, in der immer gleichen dämlichen Mimik posten. Duckface sagt man anscheinend dazu. Oder ganz aktuell: Fish gape. Hier haben die ausführenden Protagonisten den Mund leicht geöffnet.

Defriend-Attacke. 23 Menschen weniger, über die sie sich ab heute ärgern muss. Das hat gutgetan. Auch wenn das nicht nach Glücks-Protokoll war, aber irgendwann ist Schluss mit dem Akzeptieren, denkt sie sich. Ich akzeptiere einfach, dass ich diese Dinge nicht weiter akzeptieren möchte. Damit rettet sie sich aus der Schuld, nicht nach dem „Glücks-Plan“ gehandelt zu haben.

Sophia dreht den Computer ab und blättert in ein paar Zeitschriften. Stefanie Sargnagel. Egal wo sie hinsieht, sie kommt an der roten Baskenmütze nicht vorbei. Genauso wenig wie an Wanda, Vea Kaiser und den anderen üblichen Verdächtigen, die Wien angeblich gerade umkrempeln. Das ist so typisch, denkt sich Sophia. Da wird eine Handvoll Figuren so lange gehypt, bis sie keiner mehr sehen und hören kann. Und Wien ist übrigens nicht Berlin. Das ist auch gut so.

Aber Sophia verdrängt die Gedanken. Nicht werten. Nicht heute. Sie will doch heute glücklich sein.

Lesen Sie den ganzen Artikel hier auf NZZ.ch

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