Österreich hat ein Alkoholproblem

370.000 Menschen sind hierzulande alkoholkrank, die Dunkelziffer liegt weit höher. In starken Dosierungen schädigt das Gift alle unsere Systeme und hat verheerende Auswirkungen auf Psyche und Sozialverhalten. Doch das größte Problem, ist zu erkennen, dass man ein Problem hat.

Das Telefon läutet. Es ist Gerd. Schon wieder.

Es ist das dritte Mal, dass er heute anruft. Dabei ist es erst elf Uhr vormittags. Er seufzt. Daniela soll ihm eine Palette Bier bringen, er schafft es nicht selbst heute. Schon wieder.

Gerd stürzt oft. Erst letztes Jahr ist er über die Teppichkante gestolpert und hat sich die Hüfte gebrochen. Die schwere Osteoporose macht seine Knochen weich. Hilflos und schwer betrunken lag er im Wohnzimmer. Rettung und Feuerwehr sind gekommen. Sie fanden Gerd mit heruntergezogenen Hosen, halbnackt am Boden liegen. Als die Sanitäter ihn mitnehmen wollten, wurde er aggressiv.

Gerd erzählt immer wieder dieselben traurigen Geschichten, die keiner mehr hören kann. „Immer wieder beginnt er von vorne, als wäre die Katastrophe erst gestern passiert“, sagt Daniela. Ständig fragt er sich, warum gerade ihm das alles widerfahren musste. „Er macht es damit nicht besser, er versinkt in seinem Elend.“

Früher war er glücklich

Daniela kennt ihren Onkel Gerd noch aus ganz anderen Zeiten. Sie kramt ein Hochzeitsfoto aus dem Jahr 1975 hervor. Ein junges attraktives Paar. Er blonde kurze Haare, sie lange prächtige Locken. Mit 17 haben sich die beiden kennengelernt, die große Liebe. Kinder konnten sie keine bekommen, doch das störte sie nicht. Dafür hatten sie für Nichten und Neffen immer viel Zeit und Aufmerksamkeit. Daniela war auf vielen Urlauben und Ausflügen dabei. „Onkel Gerd war immer fleißig arbeiten, sehr fürsorglich und hat immer geschaut, dass es allen gut geht“, sagt Daniela heute. Brauchte jemand ein offenes Ohr, hat er zugehört. Brauchte jemand Geld, hat er es zugesteckt – ohne Fragen zu stellen.

Daniela kramt ein anderes Hochzeitsfoto hervor. Eines aus dem Jahr 2015. Daniela war die Braut und Onkel Gerd zu Gast. Zuerst findet man ihn auf dem Bild nicht, erst wenn man ganz genau hinsieht, erkennt man Gerd 40 Jahre später. Da steht die lächelnde Hochzeitsgesellschaft und ganz am Rand ein hagerer, ungepflegter Mann. Das Haar noch immer ganz kurz, rote Flecken im Gesicht, unrasiert. Während alle anderen sich rausgesputzt haben, trägt er Jeans und eine Wollweste. „Mir war das sehr unangenehm, aber was sollte ich tun, ich wollte ihn dabei haben“, erzählt Daniela.

Bei einer Größe von 180 cm wiegt Gerd heute nur noch 60 Kilo. Er isst kaum. Er trinkt fast nur noch. Bier, Rum, Cognac. Seit zwei Jahren ist er im Ruhestand. Seit zwei Jahren ist es noch schlimmer geworden mit dem Alkohol. Und mit seinem körperlichen und geistigen Verfall.

„Die Österreicher trinken viel“

In Österreich sind 370.000 Menschen alkoholkrank. Die Dunkelziffer liegt noch weit höher. 14 Prozent weisen einen problematischen Alkoholkonsum auf. Das sind beträchtliche Zahlen im europäischen und auch internationalen Vergleich, wie auch erneut eine aktuelle Studie zeigt.

„Die Österreicher trinken insgesamt relativ viel“, sagt Michael Musalek, seit 2004 ärztlicher Leiter Europas größter Suchtklinik, dem Anton-Proksch-Institut. Im Volksmund ist die Klinik auch als „Kalksburg“ bekannt. Österreich habe, so der Psychiater, schlichtweg keine Trinkkultur, auch wenn wir gerne so täten. Das „viel trinken“ sei bei uns sehr anerkannt. „Es gibt ein erstes körperliches Anzeichen, die so genannte Toleranzwirkung. Man braucht immer mehr von einem Suchtmittel, um die gleiche Wirkung zu erzielen. Der Hintergrund ist, dass sich die Blut-Hirn-Schranke etwas verschließt, um die Nervenzellen zu schützen und man spürt die Wirkung des Alkohols nicht so stark“, sagt Musalek. Genau das aber gelte in Österreich noch immer als ein Zeichen von Stärke, denn diese Person vertrage scheinbar viel Alkohol. „Dabei ist es nichts anderes als ein Zeichen dafür, dass dieser Mensch bis jetzt immer zu viel getrunken hat.“

Euphorie macht süchtig

Doch nicht jeder, der viel trinkt oder einen problematischen Alkoholkonsum aufweist, muss auch alkoholsüchtig werden. „Es gibt Menschen, die Alkohol schlecht vertragen. Diese können kaum alkoholkrank werden. Dann gibt es eine Gruppe, und das scheint nach allen Untersuchungen genetisch bedingt zu sein, die Alkohol sehr gut verträgt. Und von dieser Gruppe gibt es wieder zwei unterschiedliche Ausprägungen. Die einen merken, dass das Trinken so viele Nachteile bringt, dass es sich nicht auszahlt. Die anderen profitieren davon. Und das sind die Gefährdeten“, erzählt Musalek. Profitieren heißt beispielsweise: Sich lockerer zu fühlen, Angst zu lösen, Euphorie zu steigern, besser soziale Kontakte knüpfen zu können oder auch besser einzuschlafen.

Wenn solchen Menschen später einmal eine private oder berufliche Katastrophe passiert, können sie oft den ohnehin schon erhöhten Konsum nicht mehr steuern. Das sei der Weg in die Sucht.

Gerds private Katastrophe

Gerd wird diesen Tag vor fünf Jahren nie vergessen. Seine Frau erhält eine zermürbende Diagnose: Kieferkrebs. Zuerst sah es nach guten Heilungschancen aus. Der Tumor wurde wegoperiert, das entstellte Gesicht durch etliche Operationen wieder versucht zu rekonstruieren. Sie war am Ende am ganzen Körper aufgeschnitten: Hüftknochen, Darm- und Brustgewebe sollten das Gesicht wieder aufbauen. Gleichzeitig Bestrahlung. Zu Weihnachten wurde sie nach Hause entlassen. Krebsfrei, aber komplett deformiert. „Sie konnte kaum reden, hatte irrsinnige Schmerzen und ein Loch unter dem Kehlkopf“, erzählt Daniela. Kurze Zeit später finden die Ärzte einen weiteren Tumor. So groß wie ein Golfball. Er sitzt im Hirnstamm und ist inoperabel. Ein paar Wochen später ist sie tot.

Fünf Jahre ist es nun her, dass Gerd seine Frau begraben musste. In der gemeinsamen Wohnung in Hernals, in der er immer noch lebt, sieht es aus, als wäre sie erst seit fünf Minuten weg. Ihre schmale Lesebrille liegt auf der Kommode, das Schminkzeug stapelt sich vor dem Spiegel, das Erdbeer-Shampoo steht in der Duschkabine, die Zahnbürste steckt im Becher. Nur jene Dinge, die mit der Krankheit zu tun hatten, die hat Gerd schnell weggebracht: Kanülen, Windeln, Katheter, das Absauggerät für die Atemwegsekrete.

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