Ein ganz normales Mädchen

„Du drehst dich zweimal um und schon bist du da gelandet, wo du nie landen wolltest. Aber ich sage, dass ich Glück hatte.“

Maria sitzt an dem kleinen runden Tisch gleich neben der Eingangstüre. So sieht sie immer als erste, wer hereinkommt. Sie hat auf diesem Platz das große bis zum Boden reichende Fenster neben sich. „Man kann mich hier auch schon von draußen sehen.“ Dieses kleine Lokal  befindet sich in einer für Wien typisch kopfsteingepflasterten Seitengasse.  Heute regnet es schon seit Stunden. Sie blättert in der Zeitung, die vor ihr am Tisch liegt. Alles kann sie noch nicht verstehen, doch etwas  fällt ihr auf: Seit Wochen und Monaten geistert dieses eine Wort durch alle Medien. Dieses eine Wort, das sie gar nicht gerne hört: Prostitution.

Der Plan war ein anderer

„Wer braucht schon einen Plan?“, das ist ihre Lebensregel.  Die heute 23-Jährige wurde in Paraguay geboren. Als Teenager war für sie klar „ich muss nach Europa!“ Erheblich erleichtert wurde ihr diese Entscheidung durch die zerrütteten Familienverhältnisse. Der Vater war ein Alkoholiker und starb noch bevor  Maria achtzehn Jahre alt wurde. “ Wenigstens hat er mir durch seinen Tod etwas Geld hinterlassen, damit konnte ich den Flug nach Spanien bezahlen.“ Sie wollte der Mutter und den zwei kleinen Brüdern helfen. Unbedingt. Sie war von Anfang an überzeugt, dass die Chancen, gutes Geld zu verdienen, für sie nicht schlecht stehen. Sie ist ein Sprachentalent, lernt enorm schnell und wenn man Maria ansieht, kann man ihr fast keinen Wunsch abschlagen. In Paraguay nannten sie alle die kleine Pocahontas, „nur, dass ich leider nicht so dünn bin“, sagt sie schmunzelnd und verdreht die großen braunen Augen. Sie blickt zum Fenster hinaus. Der Regen wird immer stärker.

„Wer bin ich?“

Als sie in Barcelona diesen  Mann kennenlernte, der ihr einen  Job in Österreich versprach, war sie nicht naiv und dachte an ihr großes Glück. Sie hatte sich bereits informiert – über ihre Möglichkeiten. Und sie war bereit,  viel für Geld zu tun. Von da an heftete sich der rumänische Mann an Marias Fersen. Zuerst führten sie eine Art Liebesbeziehung, doch Maria beendete diese nach kurzer Zeit –  weil er sie nervte. Freunde sind sie jedoch bis heute geblieben. Er besorgte ihr einen slowakischen Reisepass  und sie begleitete ihn nach Österreich. Das war vor vier Jahren.

Frauenhandel ist, wenn Frauen aufgrund von Täuschungen und falschen Versprechungen migrieren und im Zielland in eine Zwangslage gebracht werden; wenn sie aufgrund ihrer rechtlosen Situation zur Ausübung von Dienstleistungen gezwungen werden; wenn sie ihrer Würde, ihrer persönlichen oder sexuellen Integrität von Ehemännern oder Arbeitgebern beraubt werden – so die Definition des LEFÖ, einer Beratungseinrichtung für Sexarbeiterinnen und Betroffene von Frauenhandel. Doch keiner dieser Punkte  trifft auf Maria zu. Sie ist auch keine von den  derzeit bei der Polizei 2.300 registrierten Prostituierten in Wien. Sie ist auch keine von den bis zu 200 Frauen, die nun unter schwer ertragbaren Bedingungen am Straßenstrich Auhof oder im Prater stehen müssen. Durch die seit November 2011 gültigen Änderungen im Prostitutionsgesetz dürfen die Frauen nicht mehr im Stadtgebiet arbeiten, sondern nur noch in festgelegten Zonen. Die Erlaubniszone Auhof liegt weit weg am Stadtrand. Die Frauen sind sich dort selbst überlassen. Im Prater sind die Probleme etwas anderer Natur. Hier ist der Konkurrenzkampf unter den Frauen enorm angestiegen, da sich nun vielmehr Frauen die Freier teilen müssen. „Wer bin ich?“ Diese Frage quält Maria diese Tage am häufigsten. „Es ärgert mich, dass ich mir diese Frage überhaupt stelle.“

Die Mitarbeiter des LEFÖ unterteilen die  Frauen in Indoor- und Outdoorsexarbeiterinnen. „Ich zähle wohl eher zu Ersterem.“ Maria  war einmal bei einem Beratungsgespräch, aber nur einmal. Ihr ging es darum,  zu erfahren, welche Möglichkeiten es in Wien für Prostituierte gibt  und welche Konsequenzen es für sie haben kann, wenn sie so weiterarbeitet wie bisher. Mehr wollte sie nicht wissen – Hilfe benötigte sie nicht. „Es gibt so viele Mädchen, denen es viel, viel schlechter geht als mir, was soll ich dort? Ich habe eine Wohnung, habe genug zu essen, verdiene gut, kenne viele nette Leute. Ich hatte einmal eine Beziehung hier in Wien. Das war vor einem Jahr. Ich habe ihn sehr geliebt und er mich noch viel mehr. Er wollte, dass ich aufhöre, mich mit Männern zu treffen. Er hätte genug Geld und wollte mir helfen, ein – seiner Ansicht nach – normales Leben zu führen. Er hat nicht ertragen, was ich mache. Er hat es einfach nicht verstehen können. Er ist an meinem Leben zerbrochen.“

Das Thema Prostitution ist genauso facettenreich wie es die Menschen sind, die diesen Beruf ausüben. Mit Maria lernt man einen Menschen kennen, der mit ruhiger, abgeklärter Stimme entschlossene Antworten gibt  und dabei fast schon gezwungen erwachsen wirken möchte. Das ist ihre eine Seite. Die andere ruht – bis der richtige Zeitpunkt gekommen ist. Wer braucht schon einen Plan? Und auch wenn für Maria -und das was sie tut- das neue Prostitutionsgesetz belanglos scheint, so fühlt sie sich verbunden mit den Frauen, „die nicht so viel Glück hatten wie ich.“

Das Glück und der weiße Notizzettel

Es hat aufgehört zu regnen. Als sie die ältere, gut gekleidete Dame bei der Tür hereinkommen sieht, legt sie die Zeitung weg. Sie setzt sich zu Maria an den Tisch, sie führen kurz Smalltalk. Die Dame  lässt ihren Pelzmantel an und steckt sich genüsslich eine Zigarette in den Mund. Mitten im Gespräch beginnt sie zu lachen, solange bis das Lachen in einem Husten stirbt. Dann kramt sie in ihrer großen, braunen Ledertasche – bis sie schließlich einen kleinen, weißen Notizzettel findet. Diesen gibt sie Maria. Auf dem Zettel steht ein Ort, eine Uhrzeit und was sie anziehen soll. Kein ganz normales Mädchen.

(paroli Magazin, März 2012)

Kategorien:Reportage

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