Ausnahmetalente

Sie reflektieren ihre Werke nicht, auch nicht die der anderen. Sie besuchen auch keine Vernissagen. Sie leiden an chronisch psychiatrischen Erkrankungen oder geistigen Behinderungen. Sie sind die Künstler der „Art Brut“

„Ich lasse sie einen Menschen unter einem Baum zeichnen.“ Johann Feilacher lächelt und fragt: “Wollen Sie auch?“ Die Grenze zwischen Verrückten, die krank sind und zwischen Verrückten, die krank und hochbegabt sind, liest der Psychiater aus dieser simplen Zeichnung ab. „Ich erkenne anhand dieses Tests sofort, wer hierhergehört und wer nicht.“ Hierher?

Am Rande von Wien, weit hinter Klosterneuburg liegt an einem Hang die Ortschaft Maria Gugging. Darüber, auf dem Plateau des Hügels,  war früher die bekannte Landesklinik. Passiert man den Einfahrtsschranken gelangt man über einen kurvenreichen Weg weiter den Berg hinauf. Er endet an einer Waldlichtung. Schön und ruhig ist es hier. Nun steht man vor einem  in allen vorstellbaren Farben bemalten Haus. Mit Schmetterlingen, einer roten Kuh, einem gelben Hirschen, der einen anlächelt, alten weißen Flügelfenstern, blauen Sternen, lachenden Gesichtern, einer orangefarbenen Sonne und vielen kleinen Wolken. „Haus der Künstler“ steht neben der Eingangstür. Im Juni wird es 27 Jahre alt.

Keine Patienten, sondern Bewohner

An diesem Ort leben Ausnahmekünstler mit chronisch psychiatrischen Erkrankungen oder geistigen Behinderungen in einer Wohngemeinschaft. Sie werden betreut aber nicht behandelt. Nicht mehr. Sie sind keine Patienten. Sie sind Bewohner. Darauf wird hier sehr viel Wert gelegt. Geld verdienen sie mit ihrem Talent. Sie malen, zeichnen und gestalten. Sie sind Künstler der Art Brut. Art Brut ist die Bezeichnung für eine Kunstrichtung, die von einem ursprünglichen, persönlichem und kulturell unangepasstem Charakter zeugt. Was diese Künstler von anderen unterscheidet, ist, dass sie sich nicht für Kunst im Allgemeinen interessieren. Sie haben keine Kunstakademie von innen gesehen. Sie reflektieren ihre Werke nicht, auch nicht die der anderen. Sie tauschen sich nicht mit anderen Künstlern aus. Sie besuchen keine Vernissagen und lesen auch nicht über neue Techniken und Errungenschaften in der Branche. Sie wollen einfach nur malen. Sie lieben die Beschäftigung.

Nackte Körper aus Blei

Es ist kurz vor zehn Uhr. Gleich wird das Atelièr aufgesperrt. Und genau dorthin will Karl Vondal gerade. „Tschuldigung, hast a Zigarettn?“ Der 60-jähringe Mann hinkt etwas. Unter dem einen Arm hat er eine zusammengerollte, weiße Papierleinwand eingequetscht. Der kleine, hagere Herr möchte unbedingt noch schnell eine rauchen bevor er sich an seinen Arbeitsplatz begibt. Immer wieder durchsucht er seinen viel zu großen Mantel nach Zigaretten. Leider hat niemand eine für ihn. Er streicht sich über seine Halbglatze. Die Sonne blendet ihn furchtbar und er dreht sich schnell weg. Dann breitet er die Papierrolle auf dem Boden aus. Eine Bleistiftzeichnung. Nackte Körper und daneben geschriebener Text. Er erklärt sie in unverständlichen Worten. Doch etwas versteht man ganz klar: „Das ist von mir! Ich bin der Karl!“ Er rollt die Leinwand wieder zusammen und geht ins Atèlier. Er fängt immer auf einem A4 Blatt an. Zu zeichnen oder zu schreiben. Wenn das erste voll ist, klebt er ein neues daran. So entsteht dann später ein großes Kunstwerk. Bis es jedoch fertig ist, begleitet es ihn. Die ganze Zeit. Denn nachdem er seinen heutigen Arbeitstag beendet haben wird, wird er die Rolle wieder unter den Arm klemmen und damit zurück in die Wohngemeinschaft gehen. Er wird sie mit ins Bett nehmen, damit sie neben ihm schläft. Solange – bis alles gesagt und gezeichnet ist.

(erschienen auf http://www.paroli-magazin.at, April 2013)

 

Kategorien:Reportage

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