Meine Mama schaut nur fern

Alltag in einer Wiener Mittelschule

U1 Station Rennbahnweg. Man läuft die Treppen hinunter und entdeckt auf der anderen Straßenseite ein Gebäude. Es ist das einzige in der näheren Umgebung. Es ist eine Einkaufspassage. Alt, kahl und unbelebt. Es riecht nach kaltem Rauch und Urin. Die Geschäfte sind um diese Uhrzeit noch geschlossen. Von dieser Einkaufspassage gelangt man in eine große Parkanlage umringt von fünfzehnstöckigen Betonbauten. Klötze soweit das Auge sieht. Sie haben alle die gleichen Farben. Grau und Weiß, ab und zu erblickt man einen hellgrünen oder hellroten Balkon. Von einer Schule ist weit und breit nichts zu sehen und zu hören. Doch spaziert man den Drahdiwaberlweg ganz bis zu seinem Ende hin, erblickt man ganz in der Ferne auf einem grauen Gebäude eine hervorstechende rot umrahmte Glastür. Daneben ein buntes Schild `KuLe Schule´.

(c) Yvonne Widler

(c) Yvonne Widler

„Ich heiße Anna und bin zwölf Jahre alt und möchte später einmal Friseurin werden, so wie meine ältere Schwester.“ Das kleine blonde Mädchen sitzt in der ersten Reihe. Immer wieder wirft sie den Blick herüber und dreht sich dann schnell wieder weg. Als sie für das Interview ausgewählt wird, kann sie es kaum glauben. Sie richtet sich schnell den hellblauen Fleecepulli, zupft noch einmal ihre feinen, kinnlangen Haare zu Recht und kommt mit. „Meine Mama ist arbeitslos und schaut nur fern. Meinen Papa habe ich noch nie gesehen. Die Hausübungen mache ich ganz alleine, Mama kennt sich dabei nicht aus. Nach der Schule bin ich immer den ganzen Tag im Hof und um elf Uhr muss ich schlafen gehen.“ Sie erzählt von ihrer Familie und ihren Freunden. Immer wieder erröten ihre Backen, während sie die Fragen beantwortet. Doch erst als sie von ihrem Schwarm aus dem Hof erzählt, beginnen ihre großen tiefblauen Augen zu glänzen. Plötzlich entweicht ihr auch ein Lachen, das bis zu beiden Ohren reicht und man sieht ihre Zahnspange hervor blitzen. Ihre ältere Schwester hat ihr die Haare vor ein paar Wochen blond gefärbt, in ein paar Monaten bekommt sie ein Nasenpiercing.  Ob sie dafür nicht zu jung ist?

Mit diesen und anderen Fragen hadert man, wenn man die Mittelschule am Rennbahnweg kennenlernt. Wenn man durch die kahlen Schulgänge streift, so ist man erstaunt von der Stille hier. An den Wänden hängen die Kunstwerke der Kinder. Eines sticht besonders hervor: `Waunsd ned hamkumst, is ma fad. Waunsd nua feanschausd duri ma lad.´ Die Kinder notieren ihre Gedanken anstatt Bilder zu malen. Manche müssen die Pausen in den Klassen verbringen. Auch so genannte Sitzpausen sind keine Seltenheit. Kule Schule. Das ist der Spruch auf dem Logo vor der roten Glastür am Eingang. Kultur und Lernen sollen hier vereint werden. „Von unseren zweiundzwanzig Schülern haben zwanzig Deutsch nicht als Muttersprache“, sagt Frau Reisinger, die Lehrerin dieser Klasse. Serbien, Bosnien, Tunesien, Albanien, Türkei, Nigeria, Österreich, Philippinen und Ägypten – allein in dieser Klasse sitzen Kinder aus zehn Nationen. Meist können die Eltern noch weniger Deutsch als ihre Kinder. Dies erschwert den Lehrer – Eltern – Dialog erheblich. „Es gibt Kinder, die mit zwölf Jahren nach Österreich kommen und kein Wort Deutsch können. Trotzdem sollen wir sie unterrichten. Es gibt für diese Kinder keinen bezahlten Zusatzunterricht. Wir können nur sehr langsam mit dem Stoff fortfahren, obwohl wir jetzt schon auf Volksschulniveau arbeiten. Es ist wahnsinnig anstrengend.“

Heute werden Präpositionen gelehrt. Drei Lehrerinnen bemühen sich um die Aufmerksamkeit der elf bis dreizehnjährigen Schüler. Das Ausschneiden, Aufkleben und Beschriften von sechs Bildern benötigt fast die ganze Deutschstunde. Von zweiundzwanzig Elternpaaren, waren sechs beim Elterninformationsabend. Der Rest ist nicht interessiert an derartigen Veranstaltungen oder kann kein Deutsch. Lehrerinnen, die eine der Muttersprachen der ausländischen Kinder beherrschen, gibt es nicht. Diese Klasse ist zusätzlich eine Integrationsklasse. Vier Kinder mit besonderer Lernschwäche werden hier mit unterrichtet. Vielleicht der einzige Ort, an dem sie noch Spaß haben können und sich wohl fühlen. Ein Kind sein können, obwohl hier strenge Regeln herrschen. Einmal die Woche sollte die Schulpsychologin vorbeikommen. Sie kommt aber dreimal. Zusätzlichen Deutschunterricht erteilen die Lehrerinnen unentgeltlich und in ihrer Freizeit. Termine beim Frauenarzt mit zwölfjährigen Mädchen erledigen sie ebenso wie die wöchentlichen Termine mit dem Jugendamt. „Wenn nur ein einziger Schüler durch unser Engagement die Aussicht auf ein besseres Leben hat, dann hat es sich schon ausgezahlt“, meint Frau Reisinger, die Klassenvorstand und gleichzeitig auch Deutschlehrerin hier ist.

Der kleinen Anna würde man es so sehr wünschen, dass sie in den nächsten Jahren ein wenig Stütze und Geborgenheit durch die Schule erfährt. Sie wird heute nach der Schule nämlich nicht nach Hause fahren und dann in den Hof gehen. Sie wird in das Krisenzentrum fahren, in dem sie nun untergebracht wurde, nachdem das Jugendamt sie ihrer Mutter weggenommen hat. Und ihre Schwester, die ihr angeblich vor ein paar Wochen noch die Haare gefärbt hat, ist seit einem Jahr nicht mehr am Leben. Sie hat sich das Leben genommen, ist aus dem Fenster gesprungen, ist der Realität auf diese Weise entflohen. In Annas Geschichten lebt sie weiter.

Ein Gefüge aus Wünschen, Träumen, Lügen und verzerrten Wahrnehmungen ist momentan Annas Welt. Dieses und andere Schicksale packen jeden Tag ihre kleine Schultasche und machen sich auf den Weg zur Schule am Rennbahnweg.

(erschienen unter http://www.familierockt.com, Mai 2011)

Kategorien:Reportage

Tagged as: ,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s