Europa und seine offenen Fragen

Am ‚Tag des Qualitätsjournalismus‘, der am 29. April im Raiffeisen Forum über die Bühne ging, trafen sich zahlreiche Größen der Branche, um zu diskutieren

„Qualitätsjournalismus ist der Nährboden einer Gesellschaft“, mit diesen Worten begrüßte Hans-Jörgen Manstein die Gäste des „Tages des Qualitätsjournalismus“, der vom Manstein Verlag in Kooperation mit dem Verband Österreichischer Zeitungen (VÖZ) bereits zum vierten Mal organisiert wurde. Am 29. April traf sich die Branche im Raiffeisen Forum in Wien, um den hochkarätig besetzten Podien zu lauschen und mitzudiskutieren. Zentrales Thema war die Europäische Union, Hans-Ulrich Jörges, Mitglied der Chefredaktion „stern“, hielt die Keynote mit dem Titel „Die Europäische Union – von den Medien missverstanden?“ Er kritisierte das sanfte Monster, wie er die EU bezeichnete, das zwar mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden sei, aber Europa an den Rand des Krieges manövriert habe. Dass Unheil in der Ukraine hätten die Medien kommen sehen müssen. Ein Hauptproblem für ihn: Die EU erscheine langweilig und bürokratisiert, die Leser seien an diesen Themen kaum interessiert. „Deshalb haben wir uns zurückgezogen und berichten lieber über Glühbirnen und gefährliche Brustimplantate, das Wesentliche erkennen wir aber nicht mehr“, hält er fest. Zudem würden die nationalen Parteien Wahlkämpfe betreiben, die systematisch die wichtigen Dinge ausgrenzen, investigativen Journalismus in Brüssel könne er nicht erkennen. Sei es der notwendige Aufstand Europas die Praktiken der NSA oder den Schuldenabbau Griechenlands betreffend – darüber werde vor der anstehenden Wahl schlichtweg nicht gesprochen. „Das ist Schönfärberei. Als Medien haben wir uns an diese Zustände gewöhnt.“ Im Publikum überwog zustimmendes Kopfnicken bei diesen Worten. Vor allem die Vormachtstellung der EU Kommission dem europäischen Parlament gegenüber bereitet Jörges Kopfzerbrechen. „Warum gehen wir vielen offenen Fragen nicht nach? Ich schließe den Stern mit ein“, mit diesen Worten beendete er seine Keynote. Sogleich waren die Gäste des ersten Panels, das den Titel „Europa: Ein Projekt von und für Eliten?“ trug, um ihre Meinungen gefragt. Podiumsgäste waren Alexander Görlach (Herausgeber und Chefredakteur „The European“), Reinhard Göweil (Chefredakteur „Wiener Zeitung“), Michael Jungwirth (stv. Leiter Wiener Redaktion „Kleine Zeitung“), Raimund Löw (Auslandskorrespondent ORF), Thomas Mayer (leitender Europa-Redakteur „Der Standard“), Georg Pölzl (CEO Österreichische Post AG), Georg Wailand (Herausgeber und Chefredakteur Gewinn und Chefredakteur Kronen Zeitung). Moderiert wurde die Runde von Horizont-Herausgeber Sebastian Loudon.

An der Bezeichnung „Elitenprojekt“ hat sich jedenfalls keiner der geladenen Diskutanten gestoßen, lediglich an der Frage, ob der Terminus heute noch zutrifft. Für Mayer, der in Brüssel lebt, ist die EU kein Elitenprojekt mehr, „das war es zu Beginn.“ Für ihn handelte es sich um eine sinnlose Frage, schließlich käme auch keiner auf die Idee, Österreich als solches zu titulieren. „Wir müssen lernen, Europa so zu verstehen, wie wir unser eigenes Land verstehen. Wir spüren, dass ein Übergang stattfindet, der souveräne Staat existiert nicht mehr“, so Mayer. Was die Rolle der Medien betrifft, sieht er die Sache anders als Jörges. „Ich glaube, dass wir heute über die EU so gut informiert sind, wie nie zuvor. Jede Tagung, jede Kommissionsentscheidung und jedes Dokument sei nachsehbar, ganz im Gegenzug zu politischen Vorgängen, die hierzulande passieren. Auch Jungwirth sieht das Problem nicht in der Rolle der Medien, sondern eher in der nationalen Politik verankert, die sich seiner Meinung nach ein bisschen abputzt. Es könne nicht sein, dass allein Brüssel Werbung für die Union macht. Jungwirth verwies auf das Akzeptanzproblem, das die EU von Beginn an hatte. Pölzl, der einzige Nicht-Journalist in der Runde, sagte ganz klar: „Die EU ist für uns alle da und jeder ist davon betroffen.“ Die Medien müssten die EU-Politik unterstützen, um aufkommende Nationalismen zu entkräften, „das ist die Aufgabe von Qualitätsjournalismus, ein Sprachrohr zu sein und die Inhalte gut zu diskutieren.“ Aber gerade die Diskussion um europapolitische Themen fehle fast gänzlich. Gerade die Tatsache, dass viele Menschen das Konstrukt EU infrage stellen, sei ein Aufruf an die Medien, den Bürgern das Wesentliche zu erklären.

Elite und Bevölkerung

75 Prozent der Österreicher könnten nicht zuordnen, welche Rolle dem europäischen Parlament und welche Rolle der Kommission zukommt, wirft Wailand ein. Er skizzierte den EU-Kurswechsel der Krone und konstatierte, dass die Kluft zwischen Elite und Bevölkerung in den letzten Jahren größer geworden ist. „Einiges muss aufgearbeitet werden, nicht nur vor einer Wahl. Unsere EU Plakate wirken zudem nicht sehr erhellend“, sagt Wailand. Positiver blickt Göweil in die Zukunft. „Ich glaube, dass durch die kommende Wahl der Versuch entsteht, Europa zu einem stärkeren Bürgerprojekt zu machen.“ Insgesamt befassten sich die Medien in letzter Zeit stärker mit den grundsätzlichen Fragen zur EU und werden das in Zukunft noch mehr tun. Auch er sieht das Spannungsfeld in der nationalen Politik begründet. „Die Unbeliebtheit Europas liegt darin begraben, dass in den Heimatländern Dinge über die EU behauptet werden, die nicht wahr sind.“

Als Vermittler der europäischen Idee, wie Raimund Löw es ist, stehe er stets unter dem Generalverdacht eines EU-Propagandisten. Er selbst sieht sich jedoch als Aufklärer. „Man berichtet ja nicht über ein fremdes Land, sondern über uns selbst, über Österreich und seine Rolle in der EU. “, so Löw. Dass dieses kleine Land bei den großen Entscheidungen mitreden darf, sei etwas Tolles, bloß interessiere das kaum jemanden. Das Elitenprojekt EU ist für Löw jedenfalls an seine Grenzen gestoßen. Die antieuropäischen Dinge hätten sich auf der Straße abgespielt. „Das war der Vorbote dessen, was jetzt passiert.“ Er verwies auf den EU-Wahlkampf der FPÖ und warnte davor, dass Mitgliedstaaten gegeneinander arbeiten würden, „dann sind wir wieder in der Situation von vor 100 Jahren.“

Einig waren sich alle Diskutanten, dass die Sachfragen rund um die EU derart komplex geworden sind, dass nicht einmal die Eliten sie verstehen und dass es dringend notwendig ist, eine europäische Öffentlichkeit zu schaffen. Görlach: „Ich würde uns diesbezüglich viel mehr Phantasie wünschen, Visionäre und Handwerker braucht es für die EU.“ Jungwirth brachte es schließlich auf den Punkt: „Europa ist noch ein sehr junges Projekt und eine Kopfgeschichte, die noch nicht im Bauch der Menschen angekommen ist.“

Horizont 18/14, April

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s