„15 Jahre, bis man von der Politik leben kann“

Personalentwicklung. Wirtschaftsmanager planen langfristig, Politiker müssen auf kurzfristige Maßnahmen setzen. Spezielle Berater coachen sie: von Wahl zu Wahl

Das Superwahljahr 2013 hat die ersten Runden eingeläutet. Dieses Wochenende ist es bei den Kärntnern und den Niederösterreichern so weit. „Niederösterreich hat ein starkes Vorzugsstimmenwahlrecht, womit der Wettbewerb auch innerhalb einer Partei stark gefördert wird“, erklärt Christian Rois, systemischer Politikberater und Mitbegründer der Organisationsberatung Edelweiss-Consulting. Dies bringe tendenziell hohe Wahlbeteiligung und sehr bürgernahe Politiker, „die sich oft auch schon in der Kommunalpolitik einbringen konnten“, führt er weiter aus. Der Nachteil für ihn: „Fachexperten bleiben damit leicht auf der Strecke.“ Rois‘ Kollege Ulrich Lanzer ist als Personal- und Organisationsentwickler in der Politik tätig und Ko-Gründer von Edelweiss-Consulting. Nach Lanzer sind Politiker heutzutage weit mehr als früher im Rampenlicht und stünden unter ständiger Beobachtung. „Früher gab es eine nach innen und eine nach außen gerichtete Kommunikation in der Politik. Dies hat sich aufgrund der Verfügbarkeit von Smartphones schlagartig geändert. Die Politiker können nicht mehr so offen sprechen“, erklärt Lanzer. Politische Karrieren würden heutzutage dementsprechend schneller enden als früher. Doch bleiben wir noch beim Anfang.

Von Aufgabe und Nachfrage

Der Einstieg in die Politik steht grundsätzlich jedem Staatsbürger offen. Karriere in der Politik sei für Menschen aus weniger vermögenden Schichten jedoch einfacher als beispielsweise in der Wissenschaft oder Wirtschaft. In der Politik benötigt man Zustimmende, die einem ihr Ja, also ihr Kreuzerl, geben. In diesem Punkt wählen Menschen eher ihresgleichen und das sind bei den oberen 10.000 zu wenige Stimmen, so Lanzer. „Menschen, die in die Politik gehen, geben auch viel auf. Deshalb achten wir auf eine stimmige Intention“, erklärt Rois. Zum jetzigen Zeitpunkt gäbe es definitiv einen Suchfokus nach jüngeren und weiblichen Kandidaten in der Politik. Zudem brauche man immens viel Zeit in den ersten zehn Jahren. „Danach bekommt man immer mehr Gefühl für Netzwerke und Interessenlagen. Auch die inhaltliche Begeisterung und die Freude im Umgang mit Menschen wachsen mit“, führt Lanzer aus. „15 Jahre benötigen Politiker im Durchschnitt, um davon leben zu können“, erklärt er weiter. Wesentliche Faktoren in der Politik seien das Kennen der Netzwerke, der Umgang mit der Öffentlichkeit und das Jonglieren mit den internen Parteiregeln. Ausbildungen seien hilfreich, würden die Eigenerfahrung aber nicht ersetzen.Der Masterstudiengang Führung, Politik und Management, wird im Sommer 2014 die ersten Absolventen abwerfen. „Unsere Abgänger passen überall, wo in politischen oder öffentlichen Organisationen ein Verständnis für modernes Management gefordert ist“, so Peter Grabner, Professor an der FH Campus Wien. Für Rois klingt der Lehrplan vielversprechend. Politische Karrieren entstünden in Österreich aber prinzipiell nicht auf der Hochschule. „In Frankreich etwa ist das anders.“ Was zeichnet nun einen guten Politiker aus? Rois und Lanzer sind sich einig: „Wenn jemand ein Team aufbaut und jederzeit gehen kann, weil starke Persönlichkeiten nachrücken.“ Und: „Das sind ganz wenige.“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 2.3. 2013)

Kategorien:Bericht

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