Psychisch Erkrankte werden vom Invaliden-Stigma befreit

Reform. Rehabilitation und Umschulung vor Entlassung und Pension. Änderungen im Pensionssystem sollen Arbeitnehmer länger gesund im Erwerbsprozess halten

„Psychische Erkrankungen sind eine Kostenbelastung für unser Sozialsystem“, mit diesen Worten eröffnete Hanns Kratzer, Geschäftsführer von Peri Consulting, die Podiumsdiskussion „Arbeiten im wirklichen Leben“ am letzten Mittwoch. Es seien gravierende Änderungen für die Invaliditätspensionen geplant, indem man versuche, Arbeitnehmer länger gesund im Erwerbsleben zu verankern. Die gemeinnützige Gesellschaft Reintegra gibt es nun seit 30 Jahren. In dieser Zeit wurde versucht, psychisch Erkrankten dabei zu helfen, am Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. „Psychisch Kranke gibt es sowohl im Gesundheitswesen als auch in der Wirtschaft. Reintegra sieht sich im Graubereich dazwischen“, erklärt Geschäftsführer Stefan Brinskele. Die Fälle psychisch Erkrankter seien im Zeitraum von 2007 bis 2009 um 22 Prozent gestiegen. Man könne davon ausgehen, dass dieser Trend sich fortsetze.

Von den psychischen Erkrankungen fielen 53 Prozent auf affektive Störungen wie Depressionen, 27 Prozent auf somatoforme Störungen wie Essstörungen und zehn Prozent auf Suchtmittelmissbrauch. 2010 war die Hauptursache der Neuzugänge bei den Invaliden oder Arbeitsunfähigen der 15- bis 49-Jährigen die psychische Erkrankung. Durch die geplante Reform solle das Invaliditätspensions-Stigma wegfallen und stattdessen der Fokus auf Rehabilitation und Umschulung gelegt werden. Dies würde funktionieren, wenn fachspezifische Rehabilitationsdiagnostik und -planung sowie intensive Kooperationen mit Wirtschaftsunternehmen – denn es brauche ja gute Arbeitsmöglichkeiten für die Betroffenen – kombiniert würden. „Ton-Aschenbecher als Beschäftigungstherapie sollten der Vergangenheit angehören“, so Brinskele. Es handle sich hier um einen Schulterschluss, denn auch Unternehmen würden von einer derartigen Zusammenarbeit profitieren.

Breite Masse soll Änderungen unterliegen

Die Neuerungen im Pensionssystem betreffen – neben der Invaliditätspension – Korridorpensionen, eine Variante der vorzeitigen Alterspension, Langzeitpensionsversicherungen und Schwerarbeit. Diese sollen ab 2014 wirksam werden. „Wir werden durch die Änderungen einen effektiven Paradigmenwechsel begehen“, erklärt Bundesminister Rudolf Hundstorfer. Die breite Masse der Betroffenen von psychischen Erkrankungen solle dem Wechsel unterliegen. „Fit to work“ – so heißt das geschaffene freiwillige Beratungsinstrument, das es bald in allen Bundesländern geben soll. „Es gibt in Österreich eine irrsinnig hohe Anzahl von Klein- und Kleinstbetrieben, die in dieser Hinsicht Hilfe benötigen, weil sie überfordert sind“, erklärt Hundstorfer. Das Ziel sei es, die Anträge auf Berufsunfähigkeit zu reduzieren – ganz nach den vorgelebten Beispielen in Holland, Finnland oder Schweden. „Dort ist man natürlich viel weiter, denn man hat schon vor zehn Jahren mit den Reformen begonnen. Wir haben dies nun übernommen. Aber dort möchte ich hin. Misserfolg ist zulässig, es sind ja für uns völlig neue Wege.“ Die Änderungen laufen also ganz nach dem Motto „Komm zu uns, wir wollen dir helfen, dich nicht quälen. Wir wollen, dass du länger im Erwerbsprozess bleiben kannst“. Dass auch die Unternehmensseite betroffen ist, streicht Christoph Neumayer hervor. „Denn solche Krankheiten bedeuten ja längere Krankenstände und frühere Pensionen“, so der Generalsekretär der Industriellenvereinigung. Reintegration vor Entlassen und Pension sei das Kernthema und das sehe er sehr positiv. Psychische Erkrankungen sind mannigfaltig und demnach eine enorme Herausforderung für alle Beteiligten. „Gesunde Mitarbeiter sind der Baustein für gesunde Betriebe“, so Neumayer.

Zahl psychisch Erkrankter gestiegen

„Je länger ein Krankenstand dauert, desto höher ist das Risiko für die Ausscheidung aus dem Erwerbsprozess“, erklärt Anna Vavrovsky, Geschäftsführerin der „Academy for Value in Health“. Im Vergleich zu anderen Krankheiten würden die psychischen dramatisch zunehmen. In der Zeit von 1996 bis 2011 hätte es einen enormen Zuwachs gegeben. „Im Jahr 2011 standen bei den gezählten Erkrankungen die psychischen mit über 9000 Fällen an erster Stelle. An zweiter Stelle Skelett-, Muskel- und Bindegewebserkrankungen mit 8777 Fällen und an dritter Stelle Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit 3010 Fällen“, erklärt Vavrovsky. Bei den Gründen für Erwerbsunfähigkeit seien bei Frauen psychische Erkrankungen die häufigste Ursache, bei Männern die zweithäufigste. Die Kosten beliefen sich einerseits auf direkte Kosten, wie Diagnostikleistungen, Medikamente, Behandlungen. Andererseits auf indirekte Kosten, wie Frühpensionen, Krankenstände und verminderte Produktivität, „denn man ist zwar im Unternehmen anwesend, kann aber nicht produktiv arbeiten, auch unter dem Begriff „Presenteeism“ bekannt.“ Die Gesundheitswahrnehmung des Einzelnen sei höher, wenn man erwerbstätig ist, denn dies steigere den Selbstwert beträchtlich, deswegen sollte man in diese Richtung denken.

Die Idee, dass ein psychisch Erkrankter nicht arbeiten könne, sei nicht wahr, erklärt Johannes Wancata, Leiter der Abteilung für Sozialpsychiatrie an der Medizinischen Universität Wien. „Wider alle Behauptungen handelt es sich hier nicht um chronische Krankheiten.“ Momentan sei einer von 50 psychisch Kranken in stationärer Behandlung, die meisten würden ambulant versorgt und manche gar nicht. „Früher haben schwer psychisch Kranke im Krankenhaus gelebt, heute aber in diversen betreuten Einrichtungen. Natürlich scheinen die jetzt auf. Jeder gute Sozialarbeiter wird versuchen, eine Möglichkeit auf Pensionsanspruch für diese Menschen zu bekommen.“ Die leicht psychisch Kranken wären jedoch lange Zeit von den Betrieben mitgetragen worden, was heute nicht mehr leistbar ist. „Ich bin sehr froh über die Pläne der Regierung, so werden auch Rückfälle reduziert. Wichtig ist es jedoch, für sie einen Job zu finden, da müssen kreative Wege gefunden werden“, so Wancata.

Beispiele zeigen Erfolg

Die Integration psychisch Erkrankter in den Betrieb gelinge mittels bestimmter Erfolgsfaktoren, meint Michael Fembek, Leiter der Sozialabteilung bei Baumax. Demnach benötige es Arbeitsassistenz, Mentoring und einen starken Willen von oben, denn Misserfolge müsse man verkraften. „Das Team muss auf die Neuheiten vorbereitet werden, das ist enorm wichtig. Eine derartige Integration ist ein sehr komplexer Vorgang, wo Key-Account-Denken hilft“, erklärt Fembek. Dominik Guggenberger, Geschäftsführer von Isi, berichtet von einer erfolgreichen Kooperation mit Reintegra. „Wir haben vor fünf Jahren das Projekt begonnen. Psychisch Kranke und gesunde Menschen arbeiten bei uns in einer gemeinsamen Produktionshalle und erledigen ähnliche Tätigkeiten. Wir bekommen keine Förderung, sondern es macht wirtschaftlich Sinn für uns. Wir haben die Zielsetzungen komplett erreicht, es läuft hervorragend.“

(„Die Presse“- online, 22.1. 2013)

(Beitragsfoto: Flickr, mobob)

Kategorien:Bericht

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